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Petra Lindemann hat neue Bücher bestellt. Sie braucht dringend Nachschub. Im
Altenheim Quellenhof in der Ortschaft Bethel liest sie den Bewohnern vor. Käte
Wulff freut sich sehr, wenn sich die Alltagsbegleiterin zu ihr setzt. Die beiden
mögen sich. Sie rücken eng zusammen, damit die Seniorin auch mit ins Buch
schauen kann. Trotzdem muss die Vorleserin ihre Stimme erheben, sonst versteht
die alte Dame sie nicht. Die 88-jährige Ostpreußin lebt seit sechs Jahren in der
Einrichtung des Stiftungsbereichs Altenhilfe der v. Bodelschwinghschen
Stiftungen Bethel. Wer die Frau ist, die ihr vorliest und wie sie heißt, daran
kann sie sich nicht mehr erinnern. Doch jedes Mal, wenn sie sie sieht, freut sie
sich. Seit zirka einem Jahr ist Petra Lindemann im Altenheim
Quellenhof beschäftigt. Die Fortbildung zur Alltagsbegleiterin hat die gelernte
Raumausstatterin berufsbegleitend in fünf Wochenblocks durchlaufen. Eine
bestimmte berufliche Vorbildung sei nicht erforderlich, sagt sie. „Die eigene
Lebenserfahrung und die Freude am Umgang mit alten Menschen sind die wichtigsten
Voraussetzungen.“ An der Qualifikation nahmen auch Mitarbeitende anderer
Einrichtungen wie der Arbeiterwohlfahrt oder des Johanneswerks teil. Auch das
Arbeitsamt unterstützte drei Teilnehmende, die den Kurs besucht
haben. Dass die Altenheime trotz Sparzwang in der Lage sind, neue
Kräfte als Alltagsbegleiterinnen einzustellen, wurde erst durch das
Pflege-Weiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008 ermöglicht. „Ziel der
Gesetzesänderung war es, die Leistungen der Pflegekassen besser auf die
Bedürfnisse der Betroffenen auszurichten“, erläutert die Kursleiterin der
B&BB, Christine von der Marwitz. Deshalb wurde eine finanzielle Grundlage
für zusätzliche Unterstützungsangebote alter Menschen geschaffen.
Da der Gesetzgeber für die neuen Kräfte eine zertifizierte Fortbildung
verlangt, bekam Christine von der Marwitz den Auftrag einen Kursus
auszuarbeiten, in dem die Alltagsbegleiter das Wissen erwerben, dass sie für
ihre Tätigkeit brauchen. „Die Teilnehmenden lernen beispielsweise die
verschiedenen Facetten demenzieller Erkrankungen zu verstehen und erfahren etwas
über den Sinn von Biografiearbeit“, so die Gesundheitsmanagerin und Lehrerin für
Pflegeberufe.
Die Alltagsbegleiter seien Betreuungsassistenten und keine Pflegeassistenten,
betont Christine von der Marwitz. „Sie sind dazu da, individuell sinnstiftende
Alltagsaktivitäten der Bewohner zu unterstützen. Diese Rolle muss ganz klar
sein.“ Das neue Berufsfeld wurde von den Pflegefachkräften mit dreijähriger
Ausbildung anfänglich kritisch bewertet. „Das ist sehr verständlich“, findet die
Kursleiterin. „Pflegefachkräfte haben viel Energie und Zeit in ihre Ausbildung
investiert. Sie hatten die Befürchtung, nun einen besonders attraktiven Teil
ihrer Berufsarbeit zu verlieren, nämlich den intensiven Kontakt mit den
Bewohnerinnen und Bewohnern.“
Mittlerweile haben die Teams aber erfahren, dass die neuen Kräfte für
sichtliche Entspannung und Entlastung in den Altenhilfeeinrichtungen sorgen. Das
bestätigt auch Schwester Elisabeth Beckmann, Einrichtungsleiterin im
Stiftungsbereich Altenhilfe. „Die Bewohnerinnen und Bewohner sind gelassener
geworden seit sie die Zuwendung von Alltagsbegleiterinnen bekommen. Das merke
ich in allen Einrichtungen. Die Gelassenheit wirkt sich positiv auf das Klima
aus.“ Manchmal sitzt Petra Lindemann neben einem Menschen und hält
einfach nur die Hand. Ein anderes Mal geht sie mit spazieren oder singt. Die
45-Jährige ist mit Leidenschaft Alltagsbegleiterin und die Bewohner und das
Pflegeteam geben ihr das gute Gefühl, gebraucht zu werden. „Oft werde ich
morgens schon erwartet und mit den Worten empfangen: gut, dass du endlich da
bist.“ Aufgrund der positiven Erfahrungen mit den neuen Alltagsbegleiter haben
die Pflegekassen die Refinanzierung bis Mitte 2012 zugesichert.
-Silja Harrsen-
Foto: R. Elbracht
Mehr Information zu der Fortbildung: Christine von Marwitz, Tel.
0521/144-4022 |